System//RELEVANZ

Eine Lesereihe über gesellschaftliche Relevanzen

Sich bewusst werden, dass das derzeitig determinierende Gesellschaftssystem eine Reihe problematischer Auswirkungen auf unser Zusammenleben und unsere Mitwelt hat - dafür bedurfte es mit Sicherheit keiner Pandemie. Letzterer wird zurecht nachgesagt, sie wirke wie ein Brennglas, das unseren Blick auf diese Problemlagen schärft und noch sichtbarer macht, was nicht erst in diesen Zeiten als (nicht so) relevant erachtet wird. Literarische Werke problematisieren seit Anbeginn diese diversen Ungerechtigkeiten im menschlichen Umgang miteinander, Macht- und damit einhergehende Ausbeutungsverhältnisse, das Verhältnis zu unseren Mitgeschöpfen und zu unserer Umwelt…

In unserer kleinen belletristischen Lesereihe System//RELEVANZ stellen Autorinnen und Autoren Bücher vor, die stilistisch besonders sind. Vom Kurzgeschichtenband mit Horror, Science-Fiction und Fantasy-Elementen („MARS“) über eine Mystery Novel aus der Businesswelt von R&B, HipHop und Hauntology („GHOSTING“), einer Anthologie mit Texten verschiedenster Stimmen („ZIEGEL“), einem Roman zu Stadtarchitektur und urbanem Leben vor dem Hintergrund tief recherchierter Stadtgeschichte („SANIERUNGSGEBIETE“), einem Punk-Versepos („ODERBERGER“) bis hin zu einem Krimi mit gesellschaftskritischem Anspruch („DIE NACHT IST VORGEDRUNGEN“) – alle Titel sind in ihrer Machart besonders und beschäftigen sich mit den oben skizzierten Themen.

Asja Bakić:
Mars. Erzählungen


In »Mars« zeigt Asja Bakić eine Reihe einzigartiger Universen, in deren Mittelpunkt Frauen stehen, die vor die Aufgabe gestellt sind, der seltsamen Realität, die sie erleben, einen Sinn zu geben. Eine Frau wird von Tristessa und Zubrovka aus einer Art Vorhölle befreit, sobald sie eine Aufgabe erfüllt. Eine Meisterin der Täuschung wird mit jemandem konfrontiert, der ihr Geheimnis kennt. Eine Schriftstellerin soll einen Bestseller unter Pseudonym geschrieben haben, woran sie sich jedoch nicht erinnern kann. Abby scheint ihr Gedächtnis verloren zu haben, und doch weiß sie, dass mit ihrem misstrauischen Ehemann etwas nicht stimmt. Eine weitere muss auf dem Mars über ihr Verbrechen reflektieren, Autorin zu sein.

Nicht nur das inhaltliche Konzept der Erzählungen ist beeindruckend, sondern auch die Methode: Gekonnt verwebt sie in das klassische Erzählmuster Elemente aus der Genre-Literatur – Horror, Science-Fiction und Fantasy. Entstanden sind so spannende, oft humorvolle Geschichten, die emanzipierend sind, ohne in politische Agitation zu verfallen. Publishers Weekly kürte die amerikanische Ausgabe von »Mars« 2019 zu einem der 25 besten Büchern des Jahres in den USA der Kategorie Belletristik.

Donnerstag, 23.09.2021 - 19 Uhr
Restaurant Käthe, Barnstorfer Weg 10, 18057 Rostock-KTV
Um eine Reservierung auf der Seite des Restaurant Käthe wird gebeten.

Mobirise
Sebastian Ingenhoff:
Ghosting


Eine Mystery Novel aus der Welt von R&B, HipHop und Hauntology

R&B-Superstar Solana ist mit ihrem Album »Multiverse« auf Welttournee, die sie von Japan über die USA nach Europa führt. Während sie mit Symptomen einer aus den Fugen geratenen Welt konfrontiert wird, laufen die Dinge auch privat aus dem Ruder. Ihr schwerkranker Vater muss in einem New Yorker Krankenhaus notoperiert werden. Trotz eines Unwetters will sie zurück in die USA. Das Flugzeug stürzt in Grönland ab. Solana strandet in der Wildnis und trifft auf den fünfzehnjährigen Ausreißer Alfie. Sie merkt schnell, dass mit Alfie etwas nicht stimmt. Offenbar glaubt er, mit der Geisterwelt kommunizieren zu können …

Voller Anspielungen auf zahlreiche Facetten der Popkultur, ist »Ghosting« ein unkonventioneller Genre-Mix, in dem es zugleich poppig und phantastisch zugeht. Mit seiner Protagonistin Solana hat Sebastian Ingenhoff eine außergewöhnliche Romanheldin erschaffen, die nicht nur die Fans von Rihanna und Buffy ins Herz schließen werden.

Donnerstag, 28.10.2021 - 19 Uhr
PALETTE e.V., Borwinstraße 34, 18057 Rostock-KTV

Sebastian Ingenhoff © Foto: Frederike Wetzels
Nils Mohl und Julia Ditschke:
Ziegel - Hamburger Jahrbuch für Literatur


Das literarische Hamburg, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die Abenteuer­ von über 50 Autorinnen und Autoren. Für die 17. ZIEGEL-Ausgabe haben sie fremde Galaxien erforscht­, neues Leben und ein anderes Miteinander entdeckt. Sie sind »Überland« gereist, mit der »blauen Blume im Gepäck« zu einer »Fernerkundung« aufgebrochen und haben »Lazarus in den Dingen« gefunden. Sie haben einen »Sommer der Gespenster« erlebt, »Späte Kinder« gefunden und erfahren, »Was Glück ist«. Sie haben manchmal sich selbst vergessen, schweben gelernt und gesehen, dass »das Gras auf der anderen Seite nicht immer grüner“ ist. Während die Welt mit rasender Geschwindigkeit ins Stocken geriet, ist der ZIEGEL mit dem Credo Wir sind Astronauten aufgebrochen, um Zukunftsräume zu erkunden.

Der ZIEGEL, das Hamburger Jahrbuch für Literatur, ist seit Jahren in Umfang und Qualität eine im deutschsprachigen Raum einmalige Anthologie. Auch in diesen besonderen Zeiten ruft er die literarischen Stimmen Hamburgs zusammen – für ein dickes Buch und eine höchst kurzweilige Lektüre.

Illustriert wurde diese Ausgabe von dem Hamburger Zeichner Sascha Hommer. Mit ihm und seiner astronautischen Besatzung dringt der ZIEGEL in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. 

Ort & Zeit wird noch bekannt gegeben

Ziegel
Enno Stahl:
Sanierungsgebiete


Vor zehn Jahren: drei Menschen am Wasserturmplatz. Lynn ist Praktikantin in einem Architekturbüro und lernt das, was sie in ihrer Studie zu Sanierungsgebieten in Berlin erarbeitet hat, am eigenen Leibe kennen. Donata hingegen ist alleinerziehende Mutter und Redakteurin einer Gewerkschaftszeitung, sie muss sich durchbeißen – und aufsteigen. Ihr Ex-Freund, der Schriftsteller Otti, will dagegen an die Traditionen der Poeten des Prenzlauer Bergs anknüpfen und arbeitet an widerständigen Zeitschriftenprojekten. Stone wiederum hat sich von allen abgewandt, er will den Niedergang seines Kiezes nicht miterleben und zieht nach Neukölln – doch auch da holt ihn die Umwälzung der Stadtlandschaft ein.

Enno Stahl zeigt in seinem großen Roman »Sanierungsgebiete«, wie die Gentrifizierung den Menschen zunehmend die Partizipation am urbanen Leben versagt. Und wie sie die Kieze selbst verändert, wenn nicht verödet. Dies tut er als Erzähler, doch in die Geschichten seiner Figuren bettet er immer wieder historische Exkurse, Statistiken und Interviews mit realen Menschen ein, die die Umwandlung ihrer Straßen erleben mussten. So komponiert er ein mitreißendes vielstimmiges Konzert, das schließlich der Stadt selbst eine Stimme verleiht.

Ort & Zeit wird noch bekannt gegeben

Enno Stahl  - Foto: Kirsten Adamek
Bernd Marcel Gonner:
Volk der Freien & Oderberger 
ein Versepos


Volk der Freien Geschichten von Grenzgängern und Grenzgängen allesamt. Im Berlin der Weimarer Republik taumeln Gustav Regler und Ernst Bloch durch den Vorschein ihrer Utopien – scheinbar mit Händen zu greifen, doch Worte wiegen ihnen mehr –, und blicken zugleich in die Fratzen der alten und der heraufkommenden Zeit, Anna Seghers verbarrikadiert sich im Ost-Berlin der 70er-Jahre, während Nicolas Born sich vom Mauern der BRD ab- und dem Menschen allein zuwendet, Ernst Meister möchte in einem Staat, der wieder mit Gummiknüppeln seine Sachen zu ordnen beginnt, noch den ungeborenen Kindern in die Augen sehen können, Jaro sehnt sich im Berlin der knappen Nachwende nach der Tag- und Nachtgleiche der Liebenden, statt nach der einen schnellen Liebesnacht – und vorbei –, eingeklemmt zwischen einem fallenden und einem auf dessen Trümmern trampelnden Staat, in den Ruinen Leipzigs (dystopisch gedacht möglicherweise) richten junge Aussteiger und Anarchisten einen subversiven Laden zur Aufklärung von Kindern ein, um diese aus den Zwängen des Systems zu holen, in einem abgerockten Europa mit Epizentren in den großen Städten wie in den hintersten Winkeln der Länder suchen allerlei Heranwachsende, im Gepäck wenig mehr als heißen Kopf, Herz und Hand, nach Gefährten, mit denen sie ein neues Wechselspiel zwischen Denken und Verhältnissen buchstabieren und aufbauen lernen können – Janoš, Lena, Karl und Paul zum Beispiel sind ihre Namen und wieder Karl und Paul, Wiedergänger wie die Geschicht(en). Geschichten davon, wie der Mensch das Gefüge von „oben“ und „unten“ ins Werk gesetzt hat: das von Bevormundung und Duckmäusertum, das ihm wie eine zweite Haut anhängt –, und was es heißt zu brennen: für die Sache des aufrechten Gangs und des „Keine Macht für niemand“.

Nennen wir es: Versepos. Sagen wir: Zwischen Ganzgroßengefühlen (!) und Banalitäten, Dramaqueen und Rührung – eine ganze Welt. Fragen wir: Vier aus der Spur gelaufene Kerle – Punks & Ausreißer – 1989 (und die Jahre) – was treibt sie um in ihrem Ostberliner Quartier? Nein: Wir servieren keine verstaubten Wendeerzählungen. Zwischen ins Mittelalter sich durchboxenden Reimgängen, Raubein und Ohrenkerzen eigener Kaliber sind Rue, Toxo, Wolle und Flocke zwischen Droge Sehnsucht und offnem Entzug on tour – Paradiesesvögel im ew’gen paradise lost: Wir umarmten uns in Abrisshäusern. Wir kannten einander bis aufs Blut, wir wussten noch nichts von Benetton und McCain und wollten es auch nicht wissen. Immer blieb ein Rest Geheimnis und die Revolte war das schönste davon. Wir waren in den Räumen unserer selbstgestrickten Geschichte(n) zuhause. Wir waren bis zur Halsschlagader verliebt. Wir träumen von Umarmungen in Abbruchhäusern.

Ort & Zeit wird noch bekannt gegeben

Bernd Marcel Gonner - Foto: Christian Siebel
Doris Gehrke:
Die Nacht ist vorgedrungen


Hinsehen, wenn niemand wissen will

Die Berichterstatterin wahrt gern ein wenig Distanz. Erst der plötzliche Tod eines Fotojournalisten verlangt ihr eine intimere Rückschau ab. Sie durchforstet ihre Erinnerung, rekapituliert die gemeinsamen Taten. Ganz klar ist sein Tod ein Mord. Nur wer profitiert davon? Und will sie dieses Gelände wirklich betreten?

Karla Böhm fischt im Netz ihres Lebens und sichtet das Inventar ihrer Bekanntschaft mit Franz alias Heiner Kugler. Sie waren mal ein gefragtes Text-und-Bild-Team. Erlebten dann den Niedergang des investigativen Qualitätsjournalismus, ohne sich korrumpieren zu lassen. Oder war das bloß Augenwischerei? Nach dem Ende des Kalten Krieges fuhren sie wissbegierig nach Moskau, stießen dort auf Muster, die sich andernorts wiederholten. Die sich immer noch wiederholen. Aber was nützt hinsehen, wenn niemand wissen will?

Doris Gercke, nüchterne und schonungslose Chronistin im Spannungsgenre, fräst sich hier durch die letzten Jahrzehnte und fängt wie nebenbei Schieflagen und Lügen ein, die bis heute unsere Wahrnehmung von West und Ost, Männern und Frauen, Sieg und Niederlage, Vergangenheit und Gegenwart färben.

Ort & Zeit wird noch bekannt gegeben

Doris Gehrke

Impressum: Sequential Art | Ronald Zeug | Barnstorfer Weg 24 | 18057 Rostock | E-Mail: info (at) sequential-art.de | Tel. 0381 29 46 57 58
Partner:innen - Veranstaltungsorte: Restaurant Käthe - Palette e.V. - ... - ... - ...
Beteiligte Verlage: Verbrecher Verlag (Berlin) - Ventil Verlag (Mainz) - Marisch Verlag (Hamburg) - KILLROY media (Ludwigsburg) - Argument Verlag + ariadne (Hamburg)

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